Die Zeitmaschine

Reportagefotografie ist nie meine Stärke gewesen, trotzdem konnte ich nicht widerstehen.

Das, was als Besuch der Baustelle eines Freundes gedacht war, dabei eine kleine Merkwürdigkeit enthielt, die er mir unbedingt zeigen wollte, entpuppte sich als Reise in die Vergangenheit, nicht für meinen Bekannten, nur für mich.

 

Der Geruch nach endlosem Winter, nach Briketts und Eierkohlen, der den Wänden immer noch anhaftete, die Feuchtigkeit in den bis auf die Narbe abgewetzten Teichböden hatte ich schon vom Treppenhaus aus wahrgenommen.

Die Holzstiegen der letzten Etage dieses alten Hauses, knarzten Bedrohlich unter unserem Gewicht. Vorbei an den Klos auf dem letzten Treppenabsatz waren bereits einige Stufen in bedenklichem Zustand, wie mir schien. Die fleckige Decke nährte sich uns, bis ich kaum die Hand auszustrecken musste, um sie zu berühren. Mein Begleiter öffnete das Türschloss mit einem schwerem, antik anmutenden Schlüssel. Mit einer Mischung aus gezieltem Ruckeln und Stoßen öffnete er endlich die Wohnungstür.

Wir standen unmittelbar in einer Küche.

Die Dachschrägen fingen auf halber Höhe der Wände an. Es war dunkel. Die Gauben liessen nur spärlich das winterliche Licht ein. Allmählich gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit.

Eine seltsame Beklemmung erfasste mich. Es war nicht nur der mir vertraute Geruch nach Feuchtigkeit und Kohlen, der von diesen Räumen ausging, vielmehr ein Déjà-vu, das in mir aufstieg, als wäre ich schon einmal hier gewesen. Nicht in exakt diesen Räumlichkeiten, das nicht, aber irgendwo, an einem Ort, der diesem sehr ähnlich war, an dem ich nicht nur gewesen bin, sondern mich länger aufgehalten, tatsächlich dort gewohnt hatte.

Die Einrichtung der Küche sowie der restlichen Räume war das gleiche Sammelsurium gebrauchter Möbel, die in meinem eigenen Zuhause herum gestanden hatten, und an die ich mich nicht mehr im Detail erinnerte aber doch als die Möbel meiner Eltern erkannte, als sie noch in einer identischen Dachwohnung hausten.

Die Dachmansarden, die man nach dem Krieg schnell als Wohnungen ausgebaut hatte, waren die billigsten Unterkünfte in der Zeit als ich noch ein Kind gewesen bin. Sie waren schäbig, kaum isoliert, und mit schlecht schließenden Fenstern ausgestattet. Ein oder zwei Kohleofen kämpften gegen die Unmöglichkeit an, die Räume zu heizen. Es gab kein Bad und die Toiletten befanden sich auf dem Stiegenabsatz.

Hier wohnten, die die nichts hatten: Ausgebombte und Flüchtlinge nach dem Krieg, später, als sich die Wohnungsnot etwas gebessert hatte, die Gastarbeiter.

“Gastarbeiter” war nicht nur ein Wort.

Mit Gastarbeiter bezeichnete man die Kaste der Immigranten, die man aus dem Süden und Osten nach Deutschland rekrutierte und den Mangel an Arbeitskräfte beheben sollten, der durch Krieg und Gefangenschaft entstandenen war. Sie sollten nur so lange bleiben wie unbedingt notwendig und anschließend in ihre Herkunftsländer zurück kehren. Sie waren zur beginn der ersten Welle, Mitte der fünfziger Jahren, meist in Baracken und ehemalige Kasernen untergebracht. Mein Vater, einer dieser frühen Gastarbeiter, erzählte mir, dass er anfangs, als Unterkunft einen abgestellten Eisenbahnwaggon auf dem Firmengelände zugewiesen bekam, auf dem er Arbeit bekommen hatte. Später, als er geheiratet hatte, und ein Kind war unterwegs war, zogen meine Eltern in eines dieser Mansardenwohnungen in einer süddeutschen Kleinstadt.

Dort wuchsen wir auf.

Einige Jahre Später bekamen wir, wie viele andere, eine sog. Sozialwohnung zugewiesen. Diese Sozialwohnungen waren für die damaligen Zeit sehr gut ausgestattet und bedeuteten eine erhebliche Verbesserung zu unseren vorhergehenden Wohnungssituation.

Trotz meines zarten Alter, vielleicht in meinen ersten vier Jahren, kann ich mich noch bis heute an diese Dachwohnung erinnern, an die winterlichen Kälte, die Gerüche, die Tapeten, die muffigen Sesseln, die alten Schränke, an den vergilbten Küchentisch mit dem Wachstuch, und schließlich an den immer glühenden Holzofen, von dem aus für mich ein veritabler Schrecken ausging.

Und das alles war jetzt hier, da wo ich mich jetzt nach nurmehr 55 Jahre später befand, in einer Blase der Zeit gefangen.

Würde man das Bild der Hagia Sophia und Cemal Atatürk durch eine Bild der Heiligen Jungfrau und Genral Franco austauschen, könnte es tatsächlich hier gewesen sein.

Es ist Kunst! Nimm dir Zeit!